– Kurzbericht –
Im Rahmen eines Forums zur regionalen Integration in Asien hatte Prof. Frank Rövekamp die Gelegenheit, das Atomkraftwerk Kori an der Ostküste sowie die Inselgruppe Yeongpyeong im Westen von Südkorea zu besuchen. Für die Gewährleistung einer sicheren Energieversorgung bei Verringerung des Anteils fossiler Brennstoffe setzt das Land verstärkt auf die Kernenergie. Yeonpyeong weiterhin war im Jahre 2010 Schauplatz einer Artillerieattacke aus Nordkorea; hier manifestieren sich die Herausforderungen für die Verteidigung des Landes angesichts der steten Bedrohung durch einen hochgerüsteten und aggressiven Nachbarn.



Die Besuche und Gespräche vermittelten eindrucksvoll, welchen Einfluss die geographische Lage Südkoreas auf die Energie- und Verteidigungspolitik hat. Am 18. Dezember 2024 wird Prof. Dr. Rövekamp zur aktuellen Lage in Südkorea einen Vortrag im Ostasieninstitut halten.
– Ausführlicher Bericht –
Südkorea – Energie und Sicherheit in Zeiten geopolitischer Spannungen
Ein Besuchsbericht
Prof. Dr. Frank Rövekamp
Den Besuch eines Forums zu regionaler Integration in Asien konnte ich für Besuche in der Nuklearanlage Kori an der koreanischen Ostküste (12. November) und auf der Inselgruppe Yeongpyeong im Westen des Landes unmittelbar unterhalb von Nordkorea (13. und 14. November) nutzen. An den beiden Standorten manifestieren sich grundlegende Elemente der Energie- und Verteidigungspolitik von Südkorea, das sich geographisch wesentlich von der im westlichen Europa eingebetteten Situation Deutschlands unterscheidet.
Besuch der Nuklearanlage Kori
Südkorea setzt traditionell stark auf die Atomenergie. Es werden 24 Reaktorblöcke an 5 Standorten betrieben. Die Standorte Kori und in unmittelbarer Nachbarschaft Saeul befinden sich an der Südost-Küste zwischen den Großstädten Ulsan und Busan:


Kori verfügt über 6 Reaktorblöcke auf Basis der Druckwassertechnologie; einer davon ist bereits stillgelegt. Mein Besuch führte in das Innere eines der Blöcke; während der Besichtigung von Kontrollzentrum, Abklingbecken und Turbinenhalle ergab sich die Gelegenheit zu einem intensiven Austausch mit dem gastgebenden Manager zu den Details der Anlage und zur koreanischen Nuklearpolitik.


Kernenergie hat einen Anteil von rund 30% am Strommix in Südkorea, der in den kommenden Jahren noch leicht wachsen soll. Die erneuerbaren Energien (EE) Wind und Solar spielen bisher mit 6-8% eine sehr untergeordnete Rolle. Für 2050, das Jahr, in dem Korea Klimaneutralität erreichen will, ist ein Anteil von 20-25% für die Atomkraft avisiert, und die EE sollen auf einen Anteil von über 50% wachsen. Jedoch wird letzteres gemeinhin als wenig realistisch betrachtet, und vieles deutet auf eine stärkere Rolle der Kernenergie hin. Die Atomkraft hat insgesamt auch einen sehr großen Rückhalt in der Bevölkerung; Szenarien wie der Atomausstieg in Deutschland, das von befreundeten Ländern umgegeben und in das europäische Stromnetz eingebunden ist, werden als unrealistisch angesehen.
Korea bezieht angereichertes Uran aus dem Ausland und verfügt über keine Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Brennstäbe. Beides ist nach einem Abkommen mit den USA aus den 70er Jahren verboten, da diese Technologien auch den Weg zum möglichen Bau von Atombomben ebnen würde. Es ist jedoch kein Geheimnis, dass Korea auf eine Beseitigung dieser Beschränkungen hinarbeitet. Es wird die Ansicht vertreten, dass Kori sich in Zukunft auch als Standort für eine Wiederaufarbeitungsanlage eignen würde.
Die Anlage in Kori wurde nach dem Reaktorunglück von Fukushima im Jahre 2011 sicherheitstechnisch grundlegend überprüft und angepasst. So wurden höhere Tsunami-Schutzwälle errichtet, obwohl Korea deutlich geringeren Erdbebengefahren ausgesetzt ist als Japan. Da das Unglück in Japan auf einen Stromausfall, einen sog. „SBO“ (Station Black Out), zurückzuführen war, wurde weiterhin die Notstromversorgung, z.B. durch eine große Halle mit Stromversorgungsfahrzeugen, umfassend gesichert.

Unmittelbar neben der Atomanlage befindet sich schließlich das Campus von „KINGS“, der KEPCO International Nuclear Graduate School, die fachspezifische Studienprogramme anbietet, und an der u.a. an Reaktoren der nächsten Generation wie SMR (Small Modular Reactors) geforscht wird.
Mein Fazit
Die Atomkraft ist eine tragende Säule der südkoreanischen Energie- und Klimapolitik. Die Mehrheit der Bevölkerung unterstützt das. Selbst das Reaktorunglück im benachbarten Japan und die atomkritische Politik einiger koreanischer Regierungen haben daran nichts geändert. Kritiker weisen auf der anderen Seite darauf hin, dass das Problem der Endlagerung von Atommüll ungelöst ist, und dass die Konzentration vieler Reaktoren auf engstem Raum im Falle eines großen Unfalls – so gering die Wahrscheinlichkeit dafür auch sein mag – katastrophale Auswirkungen auf das Ballungsgebiet von Ulsan bis Busan hätte. Nach meiner Ansicht könnte ein deutlich stärkerer Ausbau der erneuerbaren Energien, ohne das gleich mit einem grundsätzlichen Verzicht auf die Kernenergie verbinden zu müssen, zu einer verbesserten Balance von Ökonomie und Sicherheit führen.
Besuch der Inselgruppe Yeonpyeong
Yeonpyeong liegt etwa 80km westlich vom koreanischen Festland im Gelben Meer, unmittelbar unter nordkoreanischem Gebiet. Die Seegrenze ist umstritten, da Nordkorea die sog. Northern Limit Line (NLL) nicht anerkennt.




Etwa 2.000 Menschen wohnen auf der Insel. 2010 geriet diese trotz bereits massiver Militärpräsenz unter Artilleriebeschuss aus Nordkorea, dem mehrere Menschen zum Opfer fielen. Auch in den folgenden Jahren kam es zu Zwischenfällen um die Inseln, wenn auch ohne zivile Opfer.
Die Bedrohung durch die Atommacht Nordkorea ist schlagartig auch in Europa ins Rampenlicht gerückt, da seit kurzem nordkoreanische Einheiten die russische Seite im Ukrainekrieg unterstützen. Es ist davon auszugehen, dass das Regime in Pjöngjang im Gegenzug russische Hilfe bei der Umgehung von Sanktionen sowie bei der Weiterentwicklung von Militärtechnologie erhält.
Die Ereignisse von 2010 kamen völlig überraschend für die Menschen in Yeonpyeong. Die Konsequenzen sind noch heute zu spüren. Die Verteidigungskapazität wurde nachhaltig ausgebaut.




Mein Fazit
Die Ereignisse von 2010 haben den Einwohnern von Yeonpyeong die verletzlichen Grundlagen ihres Wohlstands offenbart. Das Militär ist angesichts der Bedrohungssituation allgegenwärtig. Die besonders exponierte Lage macht die Inselgruppe zu einem besonderen Fall, aber auch die Megastädte Incheon und Seoul sind nicht weit von der Grenze zu Nordkorea entfernt. Für den deutschen Besucher wird offenkundig, dass sich das eigene Land aufgrund seiner geografischen Lage inmitten von Europa in einer privilegierten Position befindet.